Kein Spaß, kein Witz – der helle Wahnsinn!

Die Gebeine der Toten!

Wenn ich sage, das Haus, in dem ich lebe, ist ein Irrenhaus, dann meine ich damit nicht nur seine Bewohner, sondern das Haus auch selbst. Meine Theorie ist, dass es auf einem alten Indianerfriedhof gebaut wurde. Sakrale Stetten der Ureinwohner des amerikanischen Kontinents. Seit „Poltergeist“ weiß ich, dass man sowas nicht tun sollte. Denn wer sein Haus auf solchen Grund stellt und ihn somit entehrt, der wird eines Besseren belehrt werden. Der wird zusehen müssen, wie das Haus ein Eigenleben entwickelt, wie sich Dinge plötzlich durch den Raum bewegen, wie sich die Wände verändern. Ich meine nicht, dass die Wände alt und vergilbt werden. Ich spreche von baustatischen Veränderungen. Plötzlich steht eine Wand, wo zuvor noch keine war…Bis eines Tages jemand einen uralten Röhrenfernseher einschaltet und dadurch eine Dimensionsschleuße öffnet, in die das Haus und alle Bewohner eingesogen werden, damit sich danach Hase und Igel wieder in Frieden und Ruhe „Gute Nacht“ sagen können.

Nicht ganz so krass, aber dennoch absurd, scheint sich dieses Haus, in dem ich seit nunmehr drei ganze Jahren lebe, zu verhalten. Von Zeit zu Zeit eröffnet sich ein Geschwür, welches in Form von kaputten Rohrleitungen, Schimmel an den Außenwänden oder Müll im Treppenhaus, durch das Gebäude zieht. Zuerst ist es die Dusche im dritten Stock. Dann sind die Duschen von Markus und Alexandra aus Stock Vier und Fünf kaputt. Innerhalb eines halben Jahres zieht es durch das ganze Haus. Oder die Heizungen. Erst jetzt wieder, zu Beginn der Heizperiode, fallen mal hier, mal dort die Heizungen aus. Hält der Aufzug wieder im achten Stockwerk, überfährt er dafür das Neunte, so dass man im Zehnten wütend gegen die Tür tritt, im Elften wieder in den Zehnten zurück fährt, um von dort über die Treppe in das Neunte zu gelangen.

In einem Haus, wie dem Irrenhaus, wo sich jeder kennt und die größten Tratschtanten leben, bleibt so etwas natürlich nicht im Dunkeln der Nacht verborgen. Nein, es wird zum Thema. Der Fluch des Hauses. „Abreisen sollte man den Betonklotz!“, „Wo soll ich jetzt duschen?“ oder „Meine Knie wackeln wieder, der Schimmel kommt!“, kriegt man dann zu hören. Mit meiner Theorie über den Indianerfriedhof unter dem Keller, bin ich natürlich nicht der einzige Fantast. Es gibt findige Theorienspinner in diesem Haus. So besagt eine andere, mindestens genauso plausible Idee, dass unser Hausmeister und der Hausverwalter vor vielen Jahren zusammen dieses Haus gekauft hätten, um darin so etwas wie eine soziologische Versuchsanstalt zu errichten. Man nehme Menschen aller Art und Herkunft und stecke sie zusammen in ein Gebäude. Dann schaut man, wie sie reagieren, wenn gewisse Umstände eintreten. Was macht Bob, wenn er Schimmel im Wohnzimmer hat? Wie reagiert ein ganzes Stockwerk, wenn bei jedem die Dusche ausgefallen ist?

Zum Glück sind hier alle sehr hilfsbereit und freundlich, so dass man auch gerne beim Nachbar duschen oder auch fernsehen kann, sollte mal wieder was mit dem Empfang sein. Wir trotzen der unausweichlichen Tatsache, dass etwas mit diesem Haus nicht stimmt, indem wir akzeptieren, dass etwas mit diesem Haus nicht stimmen kann. So glaubt denn jeder Bewohner an eine, für ihn plausible Theorie, so wie jede Religion nur den unausweichlichen Tod in warme Tücher zu packen versucht . Der Unterschied liegt wohl darin, dass wir uns mögen, egal an welche Erklärung wir glauben. Ganz nett eigentlich…

Zeit zum Schlafengehen!

Die legendäre Manuela!

Es gibt Leute, die nehmen ihre Auszeit gerne in Ruhe, in Bedachtsamkeit, in Zerstreuung, in Besinnlichkeit, im Sport, auf Partys oder auch den ganzen Tag im Bett. Alles was ich will, ist in meiner Freizeit die Ruhe zu genießen. Das von der Welt zu hören, was sonst im Verborgenen schweigt… Schön. Aber, und als Deutscher sagt man sehr oft „aber“, leider, und das sagen alle, hat man selten seine Ruhe.

Da mir meine Jacke gerade wieder vom Türhaken gefallen war, erschrack ich erstmal, als die unbekannte Türklingel schellte. Es war in meiner ersten Woche hier im Irrenhaus und ich wollte eigentlich ja endlich meine Auszeit genießen.

„Hi, ich bin die Manuela, ich hab gehört, du bist neu eingezogen, wie heißt du“, gefolgt von einem breiten Lächeln und einem tiefen Augenaufschlag. Wiederum gefolgt von einem noch tiefererererrren Atemgeräusch. Vier Augen grinsten mich an und befahlen mir „los, sag was!“. Und ich sprach wie Odysseus persönlich, um dieser Sirene zu widerstehen. Also begannen wir ein nettes Gespräch über meinen Namen, was ich so mache, wie’s mir gefällt und ziemlich beiläufig, ob ich noch solo wäre. Aber die Katze wollte nur spielen, denn ihren Freund findet sie noch immer unschlagbar süß. Super netter Typ! Auf Anhieb sympathisch. Und er auch. Nicht nur dass Manuela aufrichtig treu war, sie war die Verfechterin der Treue zu jeder Zeit, in jeder Verfassung und gegenüber absolut jedermann. Außerdem arbeitete sie auch in einem Büro, so wie ich. Ihre Haare waren gefärbt, ich weiß nicht mehr ob Mahagoni oder Dunkelrot oder was. Was sie am liebsten hat, in diesem Haus und was eben auch nicht so. Und ganz wichtig: „Hier alle Mädels auf dem Stockwerk und alle Mädels im zweiten Stockwerk, Geschoss, sind tabu. Die gehören zur Familie. Aber alle anderen kannst du dir ja mal anschauen.“. Dabei wollte ich doch eigentlich meinen Feierabend in Ruhe genießen…

Nachdem mich Manuela noch mindestens drei Mal herzlichst willkommen hieß, verschwand sie wieder in ihre Wohnung. Noch heute hängt sie jedem, der im ersten oder zweiten Stock wohnt, etwas an die Tür, wenn Weihnachten, Ostern oder der Nikolaus vor dieser stehen. So ist sie, unsere Manuela. Herzensgut und rein… Bis man ihr Musik gibt. Dann wird sie zum Tiger. Und zu ihrem Geburtstag gab es Musik. Und unmengen Alkohol. Die ganze Party-Belegschaft im Irrenhaus war randvoll ausgelassen. Bereits zur Begrüßung musste jeder Gast ein Glas Schnapps mit Manuela trinken. Zwischendurch ging sie tanzend und tratschend durch die Menge und schüttete jedem noch ein zwei Schlücke nach. Dann schrie sie „hebt die Gläßer, äh, Becher! Juhuuu!“. Wir sangen, schwangen die Hüften und feierten die ganze Nacht bis in die frühen Morgenstunden. Ich lernte Russinen, Kroatinen, Deutsche, Chinesinen und meinen übelsten Kater kennen, den ich seit langem hatte. Ich kürze hier deshalb ab, weil sich nicht mehr in meiner Erinnerung an diesen Abend befindet. Außer dass es eine sehr gute Party war, die noch lange Zeit als legendär in Erinnerung bleiben wird und den Anfang vieler wilder Partys im Irrenhaus machte. Leider aber eben auch das Ende meiner ruhigen Feierabende…

Jetzt muss ich aber wieder ins Bett.

Willkommen im Irrenhaus!

Ich lebe in einem Irrenhaus. Das ist kein Witz und auch kein Spaß, das ist der helle Wahnsinn. Hier leben so verrückte Menschen, Paradiesvögel, Junkies und so wenige normale Menschen, dass ich dieses Haus als Irrenhaus bezeichne, ohne mit der Wimper zu zucken. Kein bisschen!

Und weil ich ganz unten im Erdgeschoss lebe, begegne ich zwangsläufig früher oder später jedem Bewohner mindestens einmal. Bei manchen bleibt es bei diesem einem Mal, bei anderen würde ich es mir wünschen. Ich würde, aber nur „würde“, denn wenn ich mir etwas wünschen könnte, dann wäre es mein letzter Wunsch, dieses Irrenhaus und all seine Einwohner nie gesehen zu haben. Insgesamt gibt es hier 84 Mietparteien auf 14 Stockwerken zu je sechs Wohneinheiten. Im Treppenhaus stehen Pflanzen und im Aufzug lustige Sprüche sexgeiler Naseweise und spätpubertierender Revoluzzer. „Viva Fidel vs. Bums Fidel“, zum Beispiel. Oder „Fighting For Peace Is Like Fucking For Virginity“, welcher mir persönlich am Besten gefällt.

Wenn man mit dem Aufzug ganz nach oben fährt, erreicht man über eine Treppe die Dachterrasse, kurz „Terrasse“ genannt. Hier findet man im Sommer zahlreich die Bewohner des Hauses, auf Liegestühlen und Sofas sitzend, grillend oder in Planschbecken liegend. Auf den ersten Blick scheint alles normal in dieser Oase, aber auf den Zweiten entdeckt man zum Beispiel Sergej, der eine riesen Tüte raucht, oder Bob aus den Staaten, der seinen siebten Absinth hinunter spült, oder Simone, die anderen, staunenden Mädels ihre Nagellacke präsentiert. Das alles findet nebeneinander und mit jeglicher Normalität statt, so dass Sergej, mit Tüte in der Hand, zu Simone geht und sich über die neuesten Trends der Nagellackindustrie informieren lässt. Dann kommt die alte Frau Katarina daher, stellt eine ihrer verwirrten Fragen, nimmt sich ein Glas Fruchtbowle, die die Mädels zubereitet haben und geht weiter zu Bob, um ihn nach seiner Meinung über die Bedeutung des Wortes „interrogation“ auszuquetschen. Bob steigt natürlich sofort darauf ein, schüttet sich aber noch einen Schluck Absinth ins Glas, damit die Kehle feucht bleibt. So ungefähr findet das Leben in diesem Haus statt. Es ist wie eine große Familie. Man kennt sich, akzeptiert sich und hat sich sogar lieb.

Probleme gibt es nur mit unserem Hausverwalter. Dieser lässt sich immer neue Schikanen und Witze einfallen, mit denen er sein mickriges Ego auf Vordermann bringen kann. Leider nimmt ihn niemand mehr ernst. Nicht einmal Sergej, der ab und zu mehrere Tage am Stück auf LSD durch das Haus geistert. Er ist harmlos und von Herzen gut. Eines unserer Sorgenkinder. Wenn er trippt, klingelt er mal hier mal dort, wird hereingelassen und erzählt Geschichten, die entweder psychotisch oder total hirnverbrannt daher kommen.

SERGEJ

Als ich Sergej das erste Mal sah, war ich gerade dabei, meine Möbel in meine Wohnung im Erdgeschoss zu bringen. Ich wuchtete einen viel zu überdimensionierten Sessel durch die Eingangstür, während Sergej meinen Gesundheitszustand zu analysieren versuchte. Erschöpft ließ ich mich auf den Sessel, der nun zumindest im Eingangsbereich meiner neuen Wohnung stand, nieder und hörte mir seine Rede an. Sergej starrte mir in die müden Augen, ließ mich meine Zähne blank zeigen und fasste mir an die Brust. Das einzige was ich von diesem seltsamen Typ mit seinem seltsamen Blick und dem rastlosen Körper bis dahin wusste, war, dass er sich Sergej nannte und auch in diesem Haus lebte. Was er über mich wusste und analysierte war jedoch noch viel weniger. Mir mangele es an Calcium, an Magnesium, an allem, insbesondere an Ionen. Lediglich meine Leber sein tipp topp in Form, was mich überraschte, weil ich vor allem deshalb so erschöpft und apathisch seinen wirren Worten folgte, weil ich am Vorabend meinen Auszug mit Pauken und Trompeten und zu viel Alkohol gefeiert hatte.

Da stand also plötzlich Sergej vor mir und ich wusste nicht, ob er mich provozieren oder verarschen will. Mir war es egal und ich fing an, ihn zu testen. “Ob er Ionen kaufen wolle”, habe ich ihn gefragt. “Oder Calcium in großen Mengen”. Sein Blick wurde plötzlich wild. Seine Augen fixierten mich, fraßen sich in mich und sein Mund wurde trocken. „Reinstoffe! Wenn ich Reinstoffe haben will, gehe ich zu meinem Freund. Der besorgt mir alles. Amphetamin, LSD, Silizium, Koks.“. Mit diesen Worten war mir klar, dass ich in die richtige Richtung getestet hatte. Wäre ich Polizist gewesen, sein Freund hätte ihm den Hals umgedreht. Aber Sergej hat keine Angst vor Konsequenzen mehr. Zum einen, weil er keine Ziele mehr hat und zum anderen, weil er ständig zugedrönt ist. Er lebt im hier und jetzt und hier und jetzt und hier und jetzt. Was aus Neugier und Spaß begann wurde zum Alltag, dann zum Alibi und schließlich zum Auffangbecken seiner gescheiterten Existenz. Nur seiner Intelligenz und seiner Herzensgüte hat er es zu verdanken, dass er immer wieder gerade noch die Kurve kriegt, bevor man ihn auf die Straße setzt. Zwar bezahlt ihm das Amt die Wohnung, aber ab und zu leistet er sich doch ein paar Dinge, die nicht tragbar sind. Und nur weil wir alle im Irrenhaus auch ein bisschen Irre sind, setzen wir uns für ihn ein und verschonen ihn vor der harten Realität, die ihn womöglich total ruinieren würde. Abgesehen von einem Entzug. Aber den will er nicht und so wäre er sicherlich nicht dauerhaft.

Ich tue mir schwer damit, ihn nicht dem eiskalten Psychatriesystem auszuliefern, aber andererseits fehlt mir die Energie, weil ich dann diesen Freund nicht alleine lassen wollen würde. Nach all der Zeit in diesem Haus, bin ich ein Teil von ihm geworden. Ich habe hier Dinge erlebt, die ich noch nie zuvor erlebt habe. Viele waren großartig, aber manche eben nicht. Und weil man hier nie seine Ruhe hat, findet man selten die Zeit, das Erlebte richtig zu verarbeiten. Für mich ist das Schreiben deshalb sehr wichtig geworden. Genauso wie die Zeit außerhalb, die ich mit Freunden und Bekannten aus aller Welt und überall genießen kann.

Jetzt ist es spät und ich werde ins Bett gehen. Wenn ich Lust habe, erzähle ich mal wieder was über das Irrenhaus, in dem ich Lebe. Es gibt auf jeden Fall noch viele spannende Geschichten. Allein Sergej könnte Bücher füllen, aber auch unser Hausvorstand haut viele unterhaltsame Vögel raus…